Die Aareschlucht in Brugg

Die Aareschlucht in Brugg ist ein klammähnlicher Flussdurchbruch der Aare im Norden der Stadt Brugg im Kanton Aargau. In einer 1400 Meter langen und bis zu 15 Meter schmalen Felsrinne durchquert der Fluss einen südlichen Ausläufer des Bruggerbergs, der vorwiegend aus harten Malmkalken des Tafeljuras besteht. Trotz ihrer Lage im Brugger Stadtgebiet blieb die Aareschlucht weitgehend unberührt und gilt seit 1996 als Naturdenkmal von nationaler Bedeutung.

Übersicht

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Bedeutung

Klammähnliche Flussdurchbrüche finden sich vornehmlich entlang kleinerer Fliessgewässer in Gebirgsregionen. Das aber ein grosser Fluss wie die Aare eine solch schmale Felsrinne durchströmt, ist im Alpenvorland einzigartig. Aussergewöhnlich ist auch die Lage der Schlucht – wer würde schon im Grenzbereich zwischen Mittelland und Jura einen solchen Ort vermuten?

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Buchstäblich mit der Schlucht verbunden ist die Brugger Altstadt, deren Häuserzeilen stellenweise bis an die Felsrinne heranreichen.

Die Häuserzeilen entlang der Schlucht lassen diese tiefer und enger erscheinen als sie tatsächlich ist
Die Häuserzeilen entlang der Schlucht lassen diese tiefer und enger erscheinen als sie tatsächlich ist
Brugger Altstadt
Brugger Altstadt

Flussabwärts durch die Schlucht

Fast schon als Tor zur Aareschlucht darf die 1875 errichtete Eisenbahnbrücke der Bözberglinie bezeichnet werden. Die Pfeiler des 32 Meter hohen Bauwerks gründen direkt im anstehenden Fels des Tafeljuras, dessen Kalkgesteine an beiden Seiten des Flusses hervortreten. Unter der Brücke erreicht die Aare mit etwa 10 Metern bereits eine beachtliche Wassertiefe.

Blick stromaufwärts auf die Eisenbahnbrücke der Bözberglinie. Im Hintergrund ist das bewaldete Aaretal zwischen Schinznach und Brugg zu sehen
Blick stromaufwärts auf die Eisenbahnbrücke der Bözberglinie. Im Hintergrund ist das bewaldete Aaretal zwischen Schinznach und Brugg zu sehen
Diese Felsinsel befindet sich oberhalb der Eisenbahnbrücke...
Diese Felsinsel befindet sich oberhalb der Eisenbahnbrücke...
... und wird von den Bruggern liebevoll Loreley-Felsen genannt
... und wird von den Bruggern liebevoll Loreley-Felsen genannt

In Brugg hat die Aare bereits den Grossteil ihres Weges bis zum Rhein zurückgelegt. Mit einem durchschnittlichen Abfluss von 314 Kubikmeter pro Sekunde gehört sie bereits zu den wasserreichsten Flüssen des Alpenvorlands. Noch fehlen aber ihre wichtigsten Zubringer Reuss und Limmat, mit denen sie sich im sogenannten Wasserschloss der Schweiz vereinigt. Dieses liegt nur wenige Kilometer stromab der Aareschlucht zwischen Lauffohr, Turgi und Gebenstorf.

Am Unterlauf ist die Aare heute zu 80% gestaut oder als Restwasser unterwegs. In Brugg lässt sich der Fluss noch in seiner ungezähmten, weitgehend ursprünglichen Gestalt erleben. Umso wichtiger ist es, beim Erhalt dieses Naturdenkmals keine Kompromisse einzugehen
Am Unterlauf ist die Aare heute zu 80% gestaut oder als Restwasser unterwegs. In Brugg lässt sich der Fluss noch in seiner ungezähmten, weitgehend ursprünglichen Gestalt erleben. Umso wichtiger ist es, beim Erhalt dieses Naturdenkmals keine Kompromisse einzugehen
Hier strömt das Wasser auf der gesamten Breite über den anstehenden Fels
Hier strömt das Wasser auf der gesamten Breite über den anstehenden Fels
Profil 1: Vorlage: Bundesamt für Umwelt (Bafu) 2008
Profil 1: Vorlage: Bundesamt für Umwelt (Bafu) 2008

Stromab der Eisenbahnbrücke wird der Fluss zunehmend unruhig. Zu beiden Seiten ragen nun Felsformationen ins Wasser, welche zur Entstehung von unberechenbaren Strömungen, Schwällen und Kehrwasser führen. Ortskundige Anwohner berichten zudem von 4 – 5 Meter hinabreichenden Wirbeln. Wer hier mit dem Boot unterwegs ist, sollte stets Schwimmwesten tragen und den Abschnitt vorgängig rekognoszieren.

Oberer Schluchtabschnitt mit Stromschnellen
Oberer Schluchtabschnitt mit Stromschnellen
Beginn des klammähnlichen, unteren Schluchtabschnitts
Beginn des klammähnlichen, unteren Schluchtabschnitts
Profil 2: Vorlage: Bafu 2008
Profil 2: Vorlage: Bafu 2008

Zwischen dem alten Elektrizitätswerk und der Brunnenmühle zwängt sich der Fluss in eine schmale, klammähnliche Felsrinne, die sich bis zum Schluchtende fortsetzt. Wie auf dem Vergleichsbild unten zu erkennen ist, fliesst auch bei mittleren Pegelständen ein Grossteil des Wassers in dieser Rinne, während die Felsen am Rand nur knapp überströmt werden. Auch hier gibt es kräftige Verwirbelungen und wechselhafte Strömungen.

  • Oben links: Die Aare im August 2014 mit einem Abfluss von 322 m³/s (Entspricht etwa dem langjährigen Mittel).
  • Oben rechts: Ausserordentliches, ca. 5 jährliches Niedrigwasser im November 2015. Abfluss: 125 m³/s.
417 Tonnen Wasser pro Sekunde auf engstem Raum
417 Tonnen Wasser pro Sekunde auf engstem Raum
Profil 4: Vorlage: Bafu 2008
Profil 4: Vorlage: Bafu 2008

Anmerkung zu den Profilen: In der Schlucht verändert sich der Flussquerschnitt von Meter zu Meter. Die hier gezeigten Profile bilden also nur Momentaufnahmen von ausgewählten Stellen ab. Aufgrund der schwierigen Verhältnisse war eine Vermessung mit ordentlichen Mitteln bisher nicht möglich (U. Egloff, Kanton Aargau). Die Skizzen basieren auf Vermessungen des Bundesamts für Umwelt aus dem Jahr 2008.

Blick auf die Stadt Brugg. In der Bildmitte ist die Altstadt mit der markanten Engstelle am Schluchtende zu sehen
Blick auf die Stadt Brugg. In der Bildmitte ist die Altstadt mit der markanten Engstelle am Schluchtende zu sehen

Bereits in römischer Zeit war Brugg – wie der Name bereits andeutet – ein wichtiger Brückenstandort. Der strategisch bedeutsame Übergang an der Engstelle war gut vor Hochwasser geschützt und bescherte der Stadt während Jahrhunderten reiche Brückenzölle. Die heutige Steinbrücke stammt aus dem Jahr 1925 und liegt etwas höher als ihre zahlreichen Vorgängerinnen. Von den ersten Brücken wird übrigens angenommen, dass sie noch aus Holz bestanden.

Die engste und tiefste Stelle beim Schwarzen Turm
Die engste und tiefste Stelle beim Schwarzen Turm
Profil 4: Vorlagen: Bafu 2008, ergänzt nach P. Brünisholz
Profil 4: Vorlagen: Bafu 2008, ergänzt nach P. Brünisholz

Am Schluchtende folgt die Engstelle am Schwarzen Turm, wo sich die Felsrinne bis auf 15 Meter verengt. Mit einer Wassertiefe von etwa 17 Metern ist die Aare nun tiefer als sie breit ist, was gerade bei einem solch grossen Fluss eindrücklich ist. Wie ein ehemaliger Armeetaucher zu berichten weiss, gibt es dort – entgegen von Gerüchten – keine nennenswerten Unterspülungen.

Nur wenige Meter unterhalb der Engstelle ist der Spuk bereits vorbei: Wie in einem Anflug von Platzangst weitet sich die Aare wieder zur üblichen Breite auf
Nur wenige Meter unterhalb der Engstelle ist der Spuk bereits vorbei: Wie in einem Anflug von Platzangst weitet sich die Aare wieder zur üblichen Breite auf

Oben: Von der Engstelle aus steigt die Flusssohle einer Rampe gleich bis auf Höhe des sogenannten Fischerkopfs an (siehe Felssporn unten links im Bild). Das Geschiebe auf diesem Abschnitt ist wie in einem Kieswerk sortiert: Von den anfangs noch grossen Steinblöcken bleiben zuletzt nur noch feine Kiesfraktionen übrig. Grund für dieses Phänomen dürfte die anfangs noch kräftige Strömung sein, die sich analog zur Verbreiterung der Aare abschwächt.

Unterwegs mit den Brugger Pontonieren

Jeweils im April feiert der Pontonier-Sportverein Brugg mit der traditionellen Chäschüechlifahrt* den Start in die neue Fahrsaison. Dabei wird die gesamte Aareschlucht zunächst flussaufwärts mit Übersetzbooten sowie Ruder, Stachel und Spanntau bezwungen. Nach Beendigung der rund anderthalbstündigen Bergfahrt gehts mit der Strömung zurück ins Vereinshaus, wo schliesslich die wohlverdienten Käseküchlein warten.

*Übersetzung für diesen alemannischen Zungenbrecher: Käseküchlein-Fahrt.

Mitglieder und Gäste des 1897 gegründeten Pontonier-Sportvereins Brugg. In der Schlucht kommen meist Übersetzboote (Bild) und seltener Weidlinge zum Einsatz
Mitglieder und Gäste des 1897 gegründeten Pontonier-Sportvereins Brugg. In der Schlucht kommen meist Übersetzboote (Bild) und seltener Weidlinge zum Einsatz

Am 23. April 2017 durfte ich, gemeinsam mit anderen Gästen, an der Chäschüechlifahrt teilnehmen. Die Fahrt fand im Sonnenschein und bei aussergewöhnlich tiefen Abflüssen der Aare statt, womit sich die Schlucht von ihrer schönsten Seite zeigte. Das dies längst nicht jedes Jahr der Fall war, zeigt die Tatsache, dass die Fahrt jeweils auch bei Regen, Schnee oder Kälte stattfindet. In der Vergangenheit konnten nur einige Hochwasser die Pontoniere von ihrer Tradition abhalten.

Route der Chäschüechlifahrt 2017. Die angegeben Fahrzeiten entsprechen dem langjährigen Mittelwert
Route der Chäschüechlifahrt 2017. Die angegeben Fahrzeiten entsprechen dem langjährigen Mittelwert

Von der Einwasserungsstelle unter der Casinobrücke ging es mit fünf Übersetzbooten flussaufwärts dem Schluchtausgang entgegen. Auf der zunächst noch breiten Aare fuhren die Pontoniere im Schutz des Ufers bis an die Engstelle heran, wo der Fluss wie aus einem steinernen Tor der Klamm entströmte.

Zur Fortbewegung dienen Ruder (links) und Stachel (rechts)
Zur Fortbewegung dienen Ruder (links) und Stachel (rechts)
Einfahrt in die Engstelle am Schwarzen Turm
Einfahrt in die Engstelle am Schwarzen Turm
Die etwa 9 Meter tiefe und 10 Grad kalte Aare
Die etwa 9 Meter tiefe und 10 Grad kalte Aare

Die 15 Meter schmale Engstelle wurde mit kurzen, kräftigen Ruderschlägen sowie mithilfe des Stachels überwunden. Hier beeindruckten Geschick und Tempo der Pontoniere, die ihre 550 Kilo schweren Boote mit überraschender Leichtigkeit führten. Das Manöver fand trotz des Niedrigwassers bei starker Gegenströmung statt, denn die Aare führte mit etwa 155 Kubikmeter noch immer eine beachtliche Wassermenge.

Im Kampf gegen die Strömung sind Ausdauer und Muskeln, vor allem aber Erfahrung und Zusammenarbeit gefragt
Im Kampf gegen die Strömung sind Ausdauer und Muskeln, vor allem aber Erfahrung und Zusammenarbeit gefragt
Hier gehts buchstäblich mit vollem Körpereinsatz flussaufwärts
Hier gehts buchstäblich mit vollem Körpereinsatz flussaufwärts

Nach Passieren der Engstelle ging es in der nun breiteren Felsrinne der Brunnenmühle entgegen. Dabei arbeiteten sich die Pontoniere etappenweise vor, indem sie ruhige Stellen nutzten, wie sie etwa in kleinen Buchten oder hinter Felsvorsprüngen zu finden sind. Vom Ufer aus unterstützten Helfer mit Spanntauen ihre Kameraden zu Wasser, indem sie deren Boote sicherten oder stellenweise flussaufwärts treidelten.

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Im oberen Schluchtteil galt es noch die Stromschnelle am linken Ufer zu überwinden. Im Laufen stemmten sich die Pontoniere mit ihrem ganzen Gewicht in den Stachel, um ihre Boote stromaufwärts durchs Wildwasser zu befördern. Man fühlte sich an Berichte vergangener Zeiten erinnert, in denen das Überwinden solcher Laufen noch als Alltag der Schiffsleute beschrieben wird.

Durchquerung des Laufens vor dem alten Elektrizitätswerk
Durchquerung des Laufens vor dem alten Elektrizitätswerk

Oberhalb des Laufens war bald der Loreley-Felsen als Ziel der Bergfahrt erreicht. Auf der Felsinsel gab es eine willkommene Stärkung, ehe die rund 10-minütige Rückfahrt zum Vereinshaus angetreten wurde. Dort warteten bereits die leckeren Käseküchlein.

Aufgrund des Niedrigwassers konnte der Loreley-Felsen bereits nach einer, statt der üblichen anderthalb Stunden erreicht werden
Aufgrund des Niedrigwassers konnte der Loreley-Felsen bereits nach einer, statt der üblichen anderthalb Stunden erreicht werden
Dürfen natürlich nicht fehlen: Die namensgebenden Käseküchlein
Dürfen natürlich nicht fehlen: Die namensgebenden Käseküchlein
Zurück in ruhigen Gewässern: Landungsstelle im Geissenschachen, wo sich das Vereinshaus der Pontoniere befindet. Im Bild sind zwei Weidlinge zu sehen
Zurück in ruhigen Gewässern: Landungsstelle im Geissenschachen, wo sich das Vereinshaus der Pontoniere befindet. Im Bild sind zwei Weidlinge zu sehen

Eis, Wasser und Fels

Im Folgenden sind einige Impressionen zu sehen, welche die Schlucht bei aussergewöhnlichen Verhältnissen zeigen.

Aaregfrörni 1891

Anfangs 1891 kam es in Brugg zu einer seltenen Aaregfrörni. Wie auf dem Fotos unten zu erkennen ist, reichte die Eisdecke von der Brunnenmühle bis zum Bereich der heutigen Casinobrücke. Neben der Aare waren damals noch weitere Gewässer zugefroren – so etwa der Rhein zwischen Schwaderloch und Laufenburg oder der Zürichsee. Selbst auf dem stets eisfreien Vierwaldstättersee konnte sich eine dünne, wenn auch unvollständige Eisdecke bilden.

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aareschlucht_aaregfrörni-1891
aareschlucht_aaregfrörni-1891_altstadt_brugg

Das Eis in der Aareschlucht verabschiedete sich wohl mit dem Föhneinbruch am 21. Februar 1891. Nach einem aussergewöhnlichen Niedrigwasser, das seit dem 14. Februar andauerte, schwollen die Flüsse infolge des Tauwetters an, wodurch die Eisdecken zerbrachen und es zum Eisgang kam. Im Hochrhein zerschellten an der Laufenburger Brücke bis zu 200 m² grosse Eisschollen, deren Bruchstücke in der Felsenge des Kleinen Laufen*  unter lautem Getöse zermalmt wurden.

*Der Kleine Laufen war eine bis zu 12 m schmale Felsrinne/Stromschnelle im Hochrhein bei Laufenburg, die ab 1903 gesprengt und später überstaut wurde.

Niedrigwasser

Besonders sehenswert ist der obere Schluchtabschnitt bei Niedrigwasser, wenn das Wasser die sonst überströmten Felsterrassen freigibt. Zurück bleibt eine eindrückliche Landschaft aus Tümpeln und mit Moosen überwachsenen Felsplatten. Wer mutig und trittsicher genug ist, wagt sich bis an die tiefe, nur wenige Meter breite Stromrinne heran (Vorsicht: Rutschgefahr).

Bei Niedrigwasser können zwischen den Felsen kleine Tümpel entstehen, die Amphibien und anderen Kleinlebewesen als Laichplatz dienen
Bei Niedrigwasser können zwischen den Felsen kleine Tümpel entstehen, die Amphibien und anderen Kleinlebewesen als Laichplatz dienen

Lebensraum Aareschlucht

Obwohl die Aareschlucht nur etwa 11 Hektar umfasst, beherbergt sie zahlreiche seltene Tierarten. So nutzt etwa die Gelbbauchunke kurzlebige Tümpel zwischen den Felsen als Laichplatz. Mit etwas Glück lässt sich die Wasseramsel beobachten, wie sie tauchend Köcherfliegenlarven von den Felsen klaubt. Häufiger ist der Graureiher zu beobachten, der in seichten Uferbereichen Fischen nachstellt. Vom reichen Insektenangebot profitieren unter anderem vier Fledermausarten, darunter das Grosse Mausohr.

Vielfältige und gut geschützte Lebensräume
Vielfältige und gut geschützte Lebensräume
Die Grüne Flussjungfer ist eine seltene Libellenart, die in der Schlucht ideale Lebensräume findet
Die Grüne Flussjungfer ist eine seltene Libellenart, die in der Schlucht ideale Lebensräume findet

Fische

Dem Schluchtausgang folgt flussabwärts ein bedeutendes Äschenlaichgebiet. Die Äsche benötigt für ihre Laichgruben geeignete Korngrössen aus sauberem, lockerem und gut durchströmtem Kies. Solche Stellen finden sich etwa am Schluchtausgang, wo das Geschiebe in allen möglichen Korngrössen sortiert ist. Neben der Äsche sind unter anderem folgende, typische Fischarten zu finden: Döbel, Schneider, Elritze, Groppe und Schmerle. Bemerkenswert ist ein dichtes Vorkommen der sonst seltenen Hasel.

Die anspruchsvolle Äsche ist auf kühles, sauerstoffreiches und sauberes Wasser angewiesen.
Die anspruchsvolle Äsche ist auf kühles, sauerstoffreiches und sauberes Wasser angewiesen.

Makrozoobenthos*

*Wirbellose, auf der Flusssohle lebende, und vom Auge noch erkennbare Kleinlebewesen. 

Aufgrund der schwierigen Tauchverhältnisse konnten bisher keine Proben aus der Schlucht entnommen werden. Dank turbulenter und vielfältiger Strömungen darf aber mit einer fluss- und aaretypischen Benthosgemeinschaft gerechnet werden (heute selten am Unterlauf). Unterhalb der Schlucht ergab sich zuletzt folgende Besiedlung: 50% Zuckermücken, 20% Flohkrebse, 20% Asseln sowie 10% Köcherfliegen und übrige Insekten.

Geologie und Entstehung

Die Schlucht quert einen vorwiegend aus Kalkgesteinen bestehenden Ausläufer des Bruggerbergs. Die Gesteine entstanden im Zeitraum des Oberjura, vor 155 – 150 Millionen Jahren, am Grund eines urzeitlichen Flachmeeres. Wie Fossilien bezeugen, herrschte damals ein warmes, subtropisches Klima – ähnlich etwa wie auf den heutigen Bahamas.

Die Felsterrassen in Flussnähe bestehen vorwiegend aus mikritischem Kalk der Wettinger Schichten
Die Felsterrassen in Flussnähe bestehen vorwiegend aus mikritischem Kalk der Wettinger Schichten
Urzeitliche Lebenswelt im Oberjura
Urzeitliche Lebenswelt im Oberjura

Entstehung

Als geologische Sensation darf die Tatsache bezeichnet werden, dass ein solch wasserreicher Fluss seit Jahrtausenden eine derart schmale Felsrinne benutzt. Wie und warum selbige entstanden ist, liegt allerdings noch weitgehend im Dunkeln. Fragt man Geologen, so scheint es aktuell zwei Szenarien zu geben, die im Folgenden kurz vorgestellt werden. Einigkeit herrscht immerhin darüber, dass die Schlucht unter dem Einfluss einer Eiszeit entstanden sein muss.

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Szenario 1: Entstehung durch normale Flusserosion

Im ersten Szenario wird davon ausgegangen, dass die Schlucht gegen Ende oder nach der letzten Eiszeit durch Flusserosion eingesägt wurde. Damals lag der Felsrücken noch unter eiszeitlichen Gletscher- und Flussgeröllen, den sogenannten Niederterrassenschottern, begraben. Vor etwa 17’000 Jahren – als in der Nordschweiz die letzte Eiszeit endete – begannen die Flüsse damit, Teile dieser Schotter wieder abzutransportieren. Dabei geriet die Aare irgendwann auf den anstehenden Fels und begann sich von oben her in diesen einzuschneiden.

In der Birrfeld oder Würm-Eiszeit fand die letzte Vergletscherung des Alpenvorlands statt. Kartenvorlage: LGM 1:500’000, Bundesamt für Landestopografie, A. Bini et al. (2009), ergänzt nach Keller & Krayss (2010)
In der Birrfeld oder Würm-Eiszeit fand die letzte Vergletscherung des Alpenvorlands statt. Kartenvorlage: LGM 1:500’000, Bundesamt für Landestopografie, A. Bini et al. (2009), ergänzt nach Keller & Krayss (2010)

In der Birrfeld-Eiszeit stiessen die Gletscher ein letztes Mal ins Alpenvorland vor. Obwohl dieses Ereignis weit hinter den grössten Vereisungen zurückblieb, endete der Reussgletscher zeitweise im Birrfeld, das nur wenige Kilometer südlich von Brugg liegt. Wie auf der Karte oben zu sehen ist, flossen die Schmelzwässer damals auch durchs Hausener Tal der Aare entgegen.

Szenario 1: Entstehung durch normale Flusserosion
Szenario 1: Entstehung durch normale Flusserosion

Skizze oben: Die Aare wird vom Geschiebe des nahen Reussgletschers an die nördliche Talflanke gedrängt (1). Dort tieft sie sich zuerst in die Niederterrassenschotter (2) und schliesslich in den anstehenden Fels (3) ein. Bemerkenswert ist die Frage, ob die Aare nicht auf dem nach Süden abfallenden Felsrücken „weggerutscht“ wäre, wenn es vom Reussgletscher her keine Schotterzufuhr gegeben hätte.

Szenario 2: Entstehung durch subglaziale Schmelzwasserosion

Subglazial = Unter dem Gletscher befindlich.

Weit spektakulärer ist das zweite Szenario, bei dem angenommen wird, dass die Schlucht vor über 150’000 Jahren, während der Beringen-Eiszeit unter dem Gletschereis entstand.

Der Begriff "Beringen" entspricht einer zeitlich und räumlich näher definierten Phase des Riss- bzw. Saale-Eiszeiten-Komplexes. (Kartenvorlage: Keller & Krayss (2010) Abb. 4c Koblenz-Glazial (Riss)
Der Begriff "Beringen" entspricht einer zeitlich und räumlich näher definierten Phase des Riss- bzw. Saale-Eiszeiten-Komplexes. (Kartenvorlage: Keller & Krayss (2010) Abb. 4c Koblenz-Glazial (Riss)

Während der Beringen-Eiszeit fand die vorletzte und zweitgrösste (bekannte) Vergletscherung des Alpenvorlands statt. Im Raum Brugg betrug die Mächtigkeit des Eises wohl zeitweise bis zu 200 Meter. Im Alpenvorland ragten damals einzig die höchsten Geländerhebungen aus dem Eismeer.

Szenario 2: Entstehung durch subglaziale Schmelzwassererosion
Szenario 2: Entstehung durch subglaziale Schmelzwassererosion

Skizze oben: Das unter dem Gletscher abfliessende Schmelzwasser steht aufgrund der überlagernden Eismassen (1) unter Druck. Zum Gletscherende hin nimmt die Eismasse ab (2), womit sich auch der Wasserdruck verringert. Als Folge des Druckunterschieds zwischen (1) und (2) erhöht sich die Fliessgeschwindigkeit des Wassers, das sich nun in den darunterliegenden Fels einschneidet. Auf diese Weise sägen sich die Schmelzwässer von oben her und rückwärtswandernd durch den Härtling (4) (rückschreitende Tiefenerosion).

  • Neben der Eisüberdeckung sorgen auch von der Gletscheroberfläche stammende Zuflüsse für einen erhöhten Wasserdruck unter dem Eis (siehe Gletschermühle in Skizze oben).
  • Aufgrund des hohen Drucks können Schmelzwässer auch Gegensteigungen überwinden.
  • Mitgeführte Sedimente (z.B. Quarzsand) verstärken die Schmelzwassererosion beträchtlich.

Falls die Schlucht tatsächlich von subglazialen Schmelzwässern übertieft wurde, so steht zu vermuten, dass diese 80-100 Meter* unter das gegenwärtige Flussniveau hinabreicht. Demnach liegt im Untergrund eine tiefe, heute weitgehend mit Lockergesteinen verfüllte Klamm verborgen. Somit wäre die Schlucht in einer Zeit entstanden, als die Sohle des Aaretals noch tiefer lag. Später wurde die Klamm dann – abhängig vom Niveau der Talsohle – wechselweise mit Schottern verfüllt oder wieder vom Fluss ausgeräumt.

*Ähnliche Übertiefungen in der Nordschweiz reichen maximal 80-100 Meter ins Mesozoikum hinab.

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Oben: Die beiden Fotos oben links zeigen die Aareschlucht(en) im Berner Oberland, bei denen als gesichert gilt, dass sie unter dem Eis entstanden sind. Wie in Brugg liegen die engsten Stellen am unteren Schluchtende, wie es typisch für subglazial entstandene Felsrinnen ist. Die Skizze oben rechts ist frei erfunden und soll nur eine Vorstellung davon geben, wie es im Untergrund von Brugg aussehen könnte. Auch wenn eine solche Klamm grotesk anmutet, so sind solche Bildungen im harten Kalkgestein absolut möglich.

Dank

Herzlichen Dank an Fritz Schlunegger (Institut für Geologie, Universität Bern) für die unverzichtbare Hilfe und die spannenden Anregungen.

Danke an Bettina Flütsch (Stadtarchiv Brugg) für ihre freundliche Hilfsbereitschaft

Merci an den Pontonier-Sportverein Brugg für die unvergessliche Fahrt durch die Schlucht.

Vielen Dank an Urs Egloff (Kanton Aargau) sowie den Leuten vom Bafu: Roger Waeber, Bertrand Jeanguenat und Thomas Kuske.

Literatur und Quellen

Angaben zu Abflüssen und Wasserführung

Bundesamt für Umwelt (Bafu) → Hydrologische Daten und Vorhersagen → Messstation Aare – Brugg 2016  → Jahrestabellen (2015, 2017).

Lebensraum Aareschlucht

Bundesamt für Umwelt (Bafu) 2017; Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung (BLN)BLN-Objekt 1018 Aareschlucht in Brugg (Objektblatt), S. 3

Rey, P., Ortlepp, J., Werner, S., Mürle, U., Becker, A. & J. Hesselschwerdt (2013); Koordinierte Biologische Untersuchungen an der Aare zwischen Bielersee und Rhein 2011 – 2013. Fachbericht zum Untersuchungsprogramm zuhanden der Gewässerschutz- und Fischereifachstellen der Kantone Aargau, Bern und Solothurn. S.131

Aaregfrörni 1891:

Lemans, A. (1963);  Die Seegfrörni 1963, Annalen der Schweizerischen Meteorologischen Zentralanstalt, S. 13.

Walter, H. (1901)Ueber die Stromschnelle von LaufenburgNaturforschende Gesellschaft Zürich – Vierteljahrsschrift 46/3-4  (1901), S. 239, 255, 260.

Geologie:

Geoinformationsplattform der Schweizerischen Eidgenossenschaft → map.geo.admin.ch  →  Geologischer Atlas GA25  (abgerufen im März 2017)

Lithostratigraphisches Lexikon der Schweiz (strati.ch) → Lexikon → Zeitskala (abgerufen im März 2017).

Lithostratigraphisches Lexikon der Schweiz (strati.ch) → Lexikon → Jura  → Burghorn-Formation → Wettingen-Member (abgerufen im März 2017).

Schnellmann M., Gautschi A. (2008); Technischer Bericht 08-04 – Geologische Grundlagen – Beilage 4.2-1/3 Sammelprofil OstjuraNationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (nagra).

Entstehung durch normale Flusserosion:

Bundesamt für Umwelt (Bafu) 2017; Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung (BLN)BLN-Objekt 1018 Aareschlucht in Brugg, S. 2 (Objektblatt)

Entstehung durch subglaziale Schmelzwassererosion:

Mündliche Mitteilungen: Hans Rudolf Graf (Dr. Von Moos AG, Gächlingen) und Walter Wildi (Universität Genf).

Graf H. R. (2009); Stratigraphie von Mittel- und Spätpleistozän in der Nordschweiz. – Beiträge zur Geologischen Karte der Schweiz (N.F. 168), Bundesamt für Landestopografie (Swisstopo), S. 29, 120, 165 – 170, Tafeln 18 und 19 (Anhang).

Schnellmann M., Madritsch H. et. al. (2014); Technischer Bericht 14-02 – Dossier III Geologische LangzeitentwicklungNationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (nagra), S. 56, 64, 67, 75.

Keller O., Krayss E. (2010); Mittel- und spätpleistozäne Stratigraphie und Morphogenese in Schlüsselregionen der Nordschweiz, Quaternary Science Journal, Volume 59, Number 1-2 (2010), 88-119, S.  88, 93, 102, 116,

Schnellmann M., Fischer U., Heuberger S., Kober F. (2014); Arbeitsbericht NAB 14-25 – Erosion und Landschaftsentwicklung NordschweizNationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (nagra), S. 75-78, 85-87

Dr. Von Moos AG (2009); Sachplan Geologische Tiefenlager (SGT) Etappe 1 – Beurteilung der glazialen Tiefenerosion im Rahmen der Festlegung der geologischen Standortgebiete, Expertenbericht Dr. von Moos AG Zürich, S. 8-9.

Ein Gedanke zu „Die Aareschlucht in Brugg

  1. Ueli Mosimann

    Sehr interessante Website. Anlässlich von Velotouren habe ich die alte Brücke in Brugg schon mehrmals überquert und mich gewundert, weshalb die Aare hier so schmal ist.

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